Robotik | Experten Portrait
Dr. Thilo Rörig

Dr. Thilo Rörig will das Unmögliche möglich machen. Als Wissenschaftler kennt er die Methodik, die es ermöglicht Architekturmodelle mit komplexen, gekrümmten Flächen mittels Mathematik und Geometrie präzise zu bauen.

Dazu muss man wissen, dass Architekturmodelle grundsätzlich eine hohe Präzision aufweisen. Will man diese komplexen Entwürfe jedoch bauen, kommt es fertigungsbedingt bei den Einzelteilen zu geringen Abweichungen. Beim Zusammenbau aus vielen Bauteilen summiert sich diese Abweichung schnell auf einige Millimeter. Die mangelnde Präzision in der Umsetzung kompensieren nun Algorithmen. Thilo Rörig und Christophe Barlieb schaffen es bei werk5 in Berlin, mit einem kollaborativen Roboter, kurz Cobot, die Präzision in der Umsetzung dem Architekturentwurf anzugleichen. So wird virtuelle Geometrie in physische Geometrie umgesetzt – und das per Knopfdruck. Die mathematischen Grundlagen, die den Berechnungen der Algorithmen zugrundeliegen, sind dabei gerade einmal zwei Jahre alt. Auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse kann Thilo Rörig am Computer Bauteile mit einer physischen Dicke erzeugen und genau planen, wie der Roboter die Teile später mit einer entsprechenden Dicke oder Krümmung zusammensetzen soll. Der Stein gewordene erste Beweis seiner Arbeit in realer Größe heißt Tricolumn, ist 17m hoch und steht auf dem Campus der Uni Düsseldorf. Das Kunstwerk von Prof. Kruse wurde von seinem Schöpfer mit den Worten „Aus meiner Erfahrung ist das nicht machbar. [...] Wenn ein Komponist etwas für eine Querflöte schreibt, das der Flötist nicht spielen kann wird´s eng.” bereits als unrealisierbar abgeschrieben. Dann kam Thilo Rörig. Auch andere Architekten mussten bisher ihre Träume beerdigen und ihre Designs blieben unrealisierbare Zukunftsvisionen.
Damit dürfte dank moderner Mathematik und Algorithmen von Thilo Rörig und Kollegen nun Schluss sein.

Thilo Rörig hegt eine große Leidenschaft für die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft. Seine Motivation: Mathematik in der realen Welt nutzen. Sein Lebensmotto: wissenschaftlich arbeiten und dennoch echte Probleme lösen. Dinge ermöglichen, die nicht möglich scheinen. Auf die Frage, wie man junge Menschen für Mathematik begeistern kann, sagt er: Es braucht eine Leidenschaft für alles Abstrakte. Man muss lernen, abstrakte Sachverhalte mit realen Problemen zu koppeln. Man braucht das Vorstellungsvermögen, was man mit abstrakten Formeln alles machen kann. Dass man auch als Wissenschaftler manchmal im sprichwörtlichen Nebel stochern muss, um Lösungen zu finden, beschreibt seine Herangehensweise bei der konkreten Anwendung der Robotik für den Bau von Architekturmodellen mit geringen Abweichungen: Wenn ich einen Durchschlupf im Berg anpeile, ist es effizienter, nicht auf den leeren Raum zu zielen, sondern z.B. links daneben, so dass ich, wenn ich auf den Berg treffe, klar weiß, dass der Durchschlupf rechts liegt.Gemeinsam mit Christophe Barlieb hat er sein Experimentierfeld bei werk5 in Berlin gefunden. Beide kennen sich seit mehr als zehn Jahren. Die Zusammenarbeit bei werk5 begann mit einem ZIM geförderten Schnittstellenprojekt zwischen Wirtschaft und Forschung.

Für die Zukunft setzt Thilo Rörig ganz klar auf Mensch und Maschine: Die Robotik wird in unseren Alltag Einzug halten. Staubsaugerroboter sind da erst der Anfang. Unbenommen gibt es Aufgaben, die der Mensch gerne an die Maschinen übergibt und andere, die nur der Mensch machen kann. Definitiv werden Roboter und KI unser Arbeitsleben verändern. Doch der Mensch wird nicht überflüssig. Warum das so ist? Wenn man einen jungen Menschen in drei Jahren ausbildet, ist er ein Spezialist in seinem Bereich und kann dennoch so viel mehr als eine Maschine. Menschliche Vielseitigkeit wird nicht durch einen Roboter ersetzt. Nur der Mensch versteht  Zusammenhänge, die nicht direkt vorgegeben sind. Das lässt sich auch durch machine learning nicht erreichen. Am Ende hat der zweifache Familienvater Thilo Rörig noch einen Tipp für die nachwachsende Generation: Macht Sachen, für die ihr eine Leidenschaft habt. Wenn man Dinge mit Leidenschaft macht, hat man seinen Platz gefunden - egal ob als Tischler, Architekt oder Wissenschaftler.

Weiterführende Links


Artikel auf Tagesspiegel.de


Artikel auf wissenschaft.de


Tricolumn